
Linnhoff: Ein vorhersehbares Drama und ein Weckruf für die Branche
Der Bundesverband der Reisebüros (VUSR) will eine konsequente Aufarbeitung der FTI-Insolvenz. Ziel müsse die Vermeidung solcher Großinsolvenzen bzw. die massive Reduzierung der Auswirkungen sein. Die Reisebüros seien neben den Beschäftigten und den Reisenden die Hauptleidtragenden. Deshalb müsse man nun nach der zweiten Insolvenz diesen Ausmaßes in fünf Jahren die richtigen Schlüsse ziehen. Der VUSR bezeichnete die FTI-Insolvenz als „Drama mit Ansage“. Der Verband sieht erhebliche Versäumnisse der Unternehmensführung aber auch der Branche bei der Datenaffäre und angekündigten Übernahme durch den Finanzinvestor Certares. Nach der Lösung der schwerwiegendsten Adhoc-Probleme müsse es eine tiefgreifende Aufarbeitung der Vorgänge geben.
Die Insolvenz von FTI war nach Einschätzung des VUSR seit längerem eine realistische Option. Schon lange vor der Pleite gab es viele Fragezeichen, die man eigentlich nicht ignorieren konnte. Kritische Nachfragen und Transparenz hätten nach Thomas Cook in der Branche schon längst Standard sein müssen, um zu wissen, was den Kunden angeboten wird und was nicht. „Diese Insolvenz ist nicht nur das Versagen des Managements und des Kreises drumherum, sondern zeigt deutlich die systemischen Probleme in der Tourismusbranche. Reisebüros als kundennächstes Glied der Kette müssen nun aus diesem Desaster lernen und selbstbewusst gegenüber den Veranstaltern auftreten. Wir sollten uns nicht mehr mit halbgaren Informationen und schönen Stories hinhalten lassen. Da haben viele gezielt die Augen vor der Realität verschlossen. Dafür zahlen jetzt viele, gerade kleine Reisebüros, wieder einen hohen Preis.“, erklärt Marija Linnhoff, Vorsitzende des VUSR.
Besonders kritisch sieht der Verband die Tatsache, dass der Finanzinvestor Certares die Übernahme von FTI nicht bei den Kartellbehörden angemeldet hat. Dies werfe massive Fragen auf und deute darauf hin, dass das Interesse am erfolgreichen Abschluss der Übernahme nicht groß war. „Möglicherweise wurden hier Reisebüros, Kunden und die Öffentlichkeit gezielt getäuscht. Im Rahmen der Aufklärung muss geklärt werden, wer das mit welchem Ziel zu verantworten hatte. Auch strafrechtliche Prüfungen sollten in Erwägung gezogen werden. Warum haben das so wenige Menschen hinterfragt? Wieso haben so viele die Warnzeichen nicht zur Kenntnis nehmen wollen?“, so Linnhoff.
Die Auswirkungen der Insolvenz auf Reisebüros, die stark auf FTI als Partner gesetzt hatten, seien erheblich. Mehrarbeit, Kundenfrust und ausfallende Provisionen belasteten die Büros jetzt erneut massiv. „Wir sind froh, dass wir unsere Mitglieder frühzeitig sensibilisiert haben. Viele Büros waren bereits im Vorfeld kritisch, wenn Kunden nach FTI-Produkten fragten. Jetzt muss der Insolvenzverwalter das offensichtliche Chaos sortieren, und wir müssen schauen, was für die Reisebüros zu retten ist. Wichtig ist, dass sie ihre Ansprüche geltend machen und in der Folge genau hinschauen, welche Veranstalter sind transparent, offen und ehrlich mit ihnen.“, fügt Linnhoff hinzu.
Der VUSR appelliert an alle Beteiligten der Tourismusbranche, aus der Insolvenz von FTI Lehren zu ziehen und die Beziehungen zwischen Veranstaltern und Vertrieb auf eine neue, gleichberechtigte Grundlage zu stellen. „Es ist an der Zeit, dass der Vertrieb seine Rolle als unentgeltlicher Troubleshooter hinter sich lässt und als gleichwertiger Partner agiert.“, schließt Linnhoff.
